Universelles Grundeinkommen und Entwicklung
Warum ein universelles Grundeinkommen wichtig für die Entwicklung unserer Zivilisation ist?
Unsere gesamte Zivilisation befindet sich im Wandel: Industrie 4.0, Automatisierung, 3D-Drucker, künstliche Intelligenz, Big-Data, Robotik, sowie exponentielle technologische Entwicklung, stellen nicht nur neue Herausforderungen und Möglichkeiten für jedes Individuum, die Gesellschaft und Wirtschaft dar, sondern eben für unsere gesamte Zivilisation. Damit verbunden sind oft Ängste und Befürchtungen über einen Mangel an Arbeitsplätzen oder Einkommen, obwohl weder das eine, noch das andere zu erwarten ist, sondern eher das Gegenteil. In diesem Zusammenhang wird auch der Begriff "universelles Grundeinkommen" erwähnt, was das ist und warum es sich als Notwendigkeit für die Entwicklung unserer Zivilisation herausstellen könnte, möchte ich ihnen in diesem Beitrag erläutern.
Ein universelles Grundeinkommen ist keine neue Idee, schon Thomas Modus hatte in seinem Roman Utopia (1516) etwas ähnliches erwähnt. Seit dem gab es etliche Befürworter dieses Konzeptes, meist aus sozialgesellschaftlichen Gründen. Heute finden sich Befürworter aus den verschiedensten wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Richtungen dieses Konzeptes. Die Idee hinter dem Grundeinkommen ist, dass jedem eine gewisse Summe an Geld zur Verfügung gestellt wird, unabhängig vom eventuell bereits vorhandenen Einkommen und unabhängig von anderen Bedingungen.
Gerde in der Zeit der Coronapandemie wurde deutlich, wie sehr nicht nur einzelne Individuen von einem Grundeinkommen profitieren würden, sondern die gesamte Gesellschaft und Wirtschaft. Wie viele Restaurants und andere Unternehmen aus Handel, Verkehr und Gastgewerbe, waren während dieser Zeit ohne Einkünfte und abhängig von staatlicher Unterstützung oder Darlehen - sofern diese überhaupt gewährt wurden. Für viele bedeutete dies das Ende ihres Unternehmens. Hätten diese Menschen bereits über ein Grundeinkommen verfügt, dann wären die wirtschaftlichen Konsequenzen der Coronapandemie wahrscheinlich weniger dramatisch ausgefallen.
Grundeinkommen: Der wirtschaftliche Faktor
Bevor die ersten Säugetiere und Menschen auf der Erde existierten, hatte die Natur bereits eine vollautomatisierte Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung gestellt, durch diese überhaupt erst eine weitere Entwicklung des Lebens ermöglicht wurde. Denken sie an die vielen Pflanzen, die Beeren und Früchte produzieren, zum Beispiel ein Apfelbaum. Die Produktionsanlage "Apfelbaum" wird in Form eines kleinen Samenkerns geliefert. Nach Auswahl des geeigneten Produktionsstandortes, genügt es den Apfelkern in den Boden zu stecken und zu wässern, um den vollautomatisierten Montageprozess zu starten. Für die Montage der Produktionsanlage werden weder Arbeiter, Maschinen oder Werkzeuge benötigt - lediglich etwas Wasser, Sonnenlicht und Geduld. Nach erfolgter Selbstmontage, startet die Apfelproduktion ebenfalls automatisch. Dabei reinigt die zu 100% solargetriebene, recycelbare, vollautomatisierte Produktionsstätte zusätzlich die Luft (z.B. CO2), das Wasser, bietet Schutz für andere Lebewesen und kann auch noch durch interessante Architektur begeistern. Verglichen dazu wirken gegenwärtige industrielle Produktionsstätten geradezu rückständig. Ich frage mich warum die Menschheit sich diese Prinzipen der Natur noch nicht als Vorbild genommen hat?
Ein Grund ist sicherlich, dass der Bau einer industriellen Produktionsstätte nach dem Vorbild der Natur früher einfach nicht möglich war. Aber heutzutage, bedingt durch die technologische Entwicklung, immer mehr im Bereich des möglichen liegt. Ein weiterer Grund könnte das immer noch vorherrschende Wirtschaftsprinzip der Profitmaximierung sein. Hierbei spielen Faktoren wie Produktionseffektivität, Nutzen für die Gesellschaft, Umweltverträglichkeit, dynamische Entwicklungsanpassung oder Nachhaltigkeit, lediglich eine untergeordnete Rolle, obwohl diese Prinzipien ebenfalls Faktoren zur Erhöhung der Profite darstellen können. Durch effektivere Produktion können die Profitmargen gesteigert werden. Durch Nutzen für die Gesellschaft und Umweltverträglichkeit kann das Ansehen eines Unternehmens verbessert werden, was ebenfalls ein Faktor zur Steigerung der Profite sein kann. Genau deswegen könnte das Prinzip der Gewinnmaximierung auch ein Grund für die vollautomatisierte Produktion nach dem Vorbild der Natur darstellen.
Industrie 4.0 und Flexibilisierung
Industrie 4.0 bedeutet nicht nur automatisierte, vernetzte Produktion, sondern bringt auch Veränderungen in der Arbeitswelt mit sich. Die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes hat allein zwischen 1991-2019 die Zahl der atypischen Arbeitsplätze (Teilzeit, Minijob oder befristet Beschäftigte) in Deutschland um bis zu 300% erhöht(*) und es ist davon auszugehen, dass sich diese Flexibilisierung weiter erhöht. Ob für kleinere Wirtschaftsunternehmen oder in der Industrie, der Einsatz von Arbeitskräften ohne lange Vertragsbindungen - war, ist und wird wahrscheinlich auch in Zukunft wirtschaftlich von Vorteil sein. Leider oft zum Nachteil der Arbeitnehmer, da diese Tätigkeiten meist unzureichende Einkommen bieten, zudem wenig oder keine Beiträge zur Kranken-/Rentenversicherungen beinhalten. Hier würde ein Grundeinkommen nicht nur die Unternehmen entlasten und ihnen dadurch höhere Flexibilität ermöglichen, sondern auch diese Jobs für Arbeitnehmer interessanter machen.
Schon heute sind einige Wirtschaftsbereiche nur über das Internet zugänglich. Wer hätte noch vor einigen Jahrzehnten gedacht, dass prinzipiell jeder mit Zugang zum Internet Inhalte verschiedenster Art veröffentlichen kann und damit ein Einkommen erwirtschaften kann? Selbst mit Spielen (E-Sports) oder streamen von dergleichen, kann heute ein Einkommen erzielt werden, dabei wird selbst der Zuschauer zur Arbeitskraft, denn je mehr Zuschauer, desto wahrscheinlicher sind höhere Werbeeinnahmen - hätte ich das meinen Großeltern versucht zu erklären, hätten sie mich wahrscheinlich nur verständnislos angeschaut. Dabei stellt die digitale Welt mit ihren virtuellen Produkten, schon jetzt einen wichtigen Wirtschaftszweig dar, der in Zukunft sicherlich noch weiter expandieren wird. Für den Zugang ist entsprechende Technologie Voraussetzung - und diese kostet Geld. Ohne Internetanbindung fehlt der Zugang zu diesen Wirtschafts-/Informations-/Kommunikationsbereichen und somit Zugang zu vielen potentiellen Arbeitsplätzen. Auch hier bietet ein Grundeinkommen die finanzielle Grundlage für die notwenigen technischen Voraussetzungen und würde zudem einen Beitrag im Wirtschafts- und Finanzkreislauf begünstigen.
Investitionsmöglichkeiten und technologische Entwicklung
Das exponentielles Wachstum auch zum Problem werden kann, erkennen wir in der Bevölkerungsentwicklung. Obwohl schon jetzt genügend Nahrung produziert wird um 10 Milliarden Menschen ausreichend mit Nahrung zu versorgen(*), erreichen wir irgendwann den Punkt, an dem ausreichender Lebensraum problematisch werden könnte, besonders da wir die Erde mit vielen anderen Lebewesen teilen, die es uns nicht nur ermöglicht haben den jetzigen Stand unserer Zivilisation zu erreichen, sondern ebenso wie Menschen, selbst einen ausreichenden Lebensraum zur Entwicklung benötigen. Meiner Meinung nach hätte die Menschheit schon vor fünfzig Jahren mit der Besiedelung anderer Planeten beginnen sollen, vor allem da zu dieser Zeit bereits Bemühungen gestartet wurden, die aber aus Kapitalmangel nicht mehr im Fokus standen, was ich an sich schon ironisch finde, da es im Kapitalismus eigentlich nicht an Kapital mangeln sollte.
Ich gehe davon aus, dass wenn es damals schon ein Grundeinkommen mit den entsprechenden Investionsmöglichkeiten in solche Projekte gegeben hätte, dann wären wahrscheinlich heute schon erste Siedlungen auf dem Mond oder Mars. Gerade in diesem Bereich wird deutlich, dass Projekte die keinen direkten finanziellen Vorteil einbringen, auch nur entsprechend zurückhaltend durch Investitionen gefördert werden. Wenn aber die Investitionsmittel von sehr vielen zur Verfügung gestellt werden (z.B. Crowdfounding-Plattformen), können so auch finanziell kostspielige und riskante Projekte gefördert werden - selbst wenn diese erst langfristig, z.B. wie beim Raumfahrtprogramm, einen wirtschaftlichen Nutzen bringen. Ein Grundeinkommen würde prinzipiell jedem die Möglichkeit zur Investition bieten und somit einen wesentlichen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung darstellen.
Grundeinkommen: Der menschliche Faktor
Ein Argument der Kritiker des universellen Grundeinkommens ist, dass einige Menschen nicht mehr arbeiten würden oder bestimmte Arbeiten nicht mehr ausüben würden. Von allen Argumenten ist dies meiner Meinung nach, das unsinnigste aller. Selbst die gut gefütterte Hauskatze jagt und verspeist immer noch Mäuse und wie in der Vergangenheit deutlich wurde, arbeiten Menschen gerne wenn es darum geht sich einen Wunsch oder Traum zu erfüllen - sei es das neuste Mobiltelefon, einen Sportwagen, den nächsten Urlaub oder ähnliches - Wünsche die je nach Individuum sehr unterschiedlich sein können. Für etwas arbeiten, dass einem Freude bereitet ist sicherlich eine größere Motivation als aus Zwang heraus tätig zu werden. Allerdings scheint genau dies bei einigen Unbehagen auszulösen, denn wenn jeder eine finanzielle Grundlage für die persönliche Entwicklung zur Verfügung hat, dann erhöht sich dadurch auch das gesellschaftliche Entwicklungspotential. Einerseits bedeutet dies mehr Chancengleichheit und individuelle Freiheit, andererseits aber auch erhöhtes Konkurrenzpotential.
Prinzipiell würde ein universelles Grundeinkommen nichts an der bereits vorhandenen Gesellschaftsstruktur ändern, lediglich absolute Armut gäbe es dann nicht mehr. Das ein Grundeinkommen eher eine Dividende der gesamtgesellschaftlichen Leistung darstellt, von der auch jeder profitieren würde, scheint einigen noch nicht bewusst zu sein. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass den meisten Menschen immer noch nicht bewusst ist, welche Veränderungen Digitalisierung, Industrie 4.0 und vor allem der Einsatz von künstlicher Intelligenz mit sich bringen, was bei vielen Diskussionen über ein Grundeinkommen deutlich wird. Arbeit wird immer noch mit finanziellen Aspekten in Verbindung gebracht, dass eine künstliche Intelligenz oder ein Industrieroboter arbeitet ohne dafür eine Entlohnung zu erhalten, wird eher selten erwähnt. Dabei ist der Einsatz solcher Technologien doch das Ergebnis der gesamten Leistung aller Menschen die seit der Entstehung unserer Zivilisation gelebt haben. Allein aus diesem Grund ist ein bedingungsloses Grundeinkommen als Dividende anzusehen.
Yanis Varoufakis beschrieb ein universelles Grundeinkommen als brillante Idee, gerade hinsichtlich des versagen des Sozialstaates: „If you look at the welfare state now it is grown in to a kind securitized, weaponized system against the poor. It is a system for humiliating the poor, for putting them through various hoops to prove that they are deserving poor. It’s a very expensive system both in terms of the emotional effect that it has on the people that have to prove that they deserve benefits and also in terms of the actual economics of it.“(*) Neben dem menschlichen Faktor, erwähnt Yanis Varoufakis ebenfalls den wirtschaftlichen Faktor - Aufwand und Kosten die sicherlich effektiver für den Menschen und die Wirtschaft eingesetzt werden könnten.
Beim Thema Grundeinkommen sind Ängste und veraltete Denkmuster vieler Menschen ein wesentlicher Faktor, diese zu entkräften erfordert Aufklärung über die Zusammenhänge und Auswirkungen über die stattfindende Entwicklung.
Grundeinkommen: Der finanzielle Faktor
Eigentlich sollte es im Kapitalismus nicht an Kapital mangeln, hinsichtlich der globalen Situation ist dies aber offenbar der Fall. Hier veröden Finanzhaie in Pools & Ponds statt frei im Ozean zu schwimmen. Finanzkrisen haben in der Vergangenheit nicht nur die Finanzwirtschaft erschüttert, sondern mussten dann auch noch von der Gesellschaft gerettet werden - eine Form von Sozialhilfe für den Finanzsektor. Der Mangel an Kapital ist allein durch erhöhte Produktivität nicht zu beheben, denn wenn immer mehr Arbeitsplätze digitalisiert oder automatisiert werden, fehlen die sonst daraus entstehenden Einkommen. Eine Erhöhung der Kapitaldecke, würde hierbei zu einer Stabilisierung der Finanzmärkte führen, auch wenn der ein oder andere Finanzhai mal wieder über die strenge schlägt.
Die Herausforderung liegt dabei in der Schaffung von stetigen Finanzströmen, ähnlich wie die Strömungen in den natürlichen Ozeanen. Dies war vor der Einführung von künstlicher Intelligenz nur schwer umsetzbar, ist aber bereits gegenwärtig möglich. Ein Grundeinkommen, mit den entsprechenden Investionsmöglichkeiten für kleinere Beträge, würde sicherlich eine willkommene Erweiterung im Finanzsektor mit sich bringen.
Wie bereits im Abschnitt „Grundeinkommen: Der wirtschaftliche Faktor“ erwähnt, existieren bereits eine Vielzahl von virtuellen Produkten, die jedoch einen realen Wert darstellen. Auch das Geld ist bereits zu großen Teilen virtualisiert und existiert lediglich als Zahl in Computer. Solange der gesellschaftliche Konsens über den Wert erhalten bleibt, ist es unerheblich wieviel Geld im Umlauf ist. Viel wichtiger ist, wie das Geld genutzt wird. Der ursprüngliche Sinn des Geldes war ein allgemeines Tauschmittel zu schaffen, heute ist die Funktion weitaus komplexer. Kapital ist längst selbst zur Ware geworden, sei es in Form von Krediten oder Investitionen. Durch die exponentielle technologische Entwicklung werden auch die finanziellen Anforderungen verschiedener wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Projekte dementsprechend kostenintensiver, nicht selten einhergehend mit steigendem Investitionsrisiko. Die dadurch entstehende höhere Dynamik bedarf einer soliden Kapitalbasis. Es ist im Interesse der Allgemeinheit, dass die wirtschaftliche Entwicklung vorangetrieben wird ohne die wirtschaftliche Stabilität zu sehr zu gefährden. Dies ist meiner Ansicht nach, der wichtigste Grund für die Einführung eines universelles Grundeinkommens, sofern ein Umdenken in der Gesellschaft erreicht wird, bei dem die Verbindung von Investition und Eigennutz verdeutlicht wird.
In welcher Form der entsprechende Finanzfluss dabei entsteht, ob durch Steuern, Abgaben oder Ausgaben ist dabei eher sekundär, solange ein Kreislauf erhalten bleibt.
Grundeinkommen: Fazit
Quellen & weiterführende Informationen:
Basic Income
https://en.wikipedia.org/wiki/Basic_income
Profit maximization
https://en.wikipedia.org/wiki/Profit_maximization
Food-Production
https://medium.com/@jeremyerdman/we-produce-enough-food-to-feed-10-billion-people-so-why-does-hunger-still-exist-8086d2657539
5 Arbeitsmarkt und Verdienste - Statistisches Bundesamt
https://www.destatis.de/DE/Service/Statistik-Campus/Datenreport/Downloads/datenreport-2021-kap-5.pdf?__blob=publicationFile
Universal basic income is a brilliant idea'. Here's why. | Yanis Varoufakis | Big Think
https://www.youtube.com/watch?v=O8B4U7o9kvg
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